„Recycelbar“ reicht nicht: Warum Kreislaufwirtschaft am System scheitert

Fragen in diesem Interview
Ocean-Material-Gründer Toni Kienberger erklärt, warum recyclinggerechtes Design allein noch keinen Kreislauf schafft – und weshalb es ohne neue wirtschaftliche Anreize nicht gehen wird. Gemeinsam mit MeSentia und Inspire entwickelt er einen möglichen Baustein: ein Verfahren, das schwer verwertbare Kunststoffmischungen mit weniger Aufbereitung direkt in robuste Strukturprodukte überführen soll.
Interview vom 11. August 2026. Fragen und Antworten folgen der deutschen Originalfassung; interne Hinweise an die Redaktion und Seitenmöbel sind nicht Bestandteil des Artikels. Die EU-Verpackungsverordnung (PPWR) wird grundsätzlich ab dem 12. August 2026 angewendet. Die konkreten Anwendungstermine einzelner Kriterien hängen teilweise von weiteren Rechtsakten ab. Technologieangaben beschreiben den Gesprächs- und Entwicklungsstand, keine bereits nachgewiesenen industriellen Leistungswerte.
Über den Gesprächspartner: Toni Kienberger ist Gründer und CEO von Ocean Material. Seit mehr als 15 Jahren baut er Unternehmen auf und entwickelt Produkte sowie internationale Lieferketten zwischen Europa und Asien. Heute konzentriert er sich auf industrielle Kreislauflösungen für maritime und schwer recycelbare Kunststoffabfälle.
Herr Kienberger, die EU setzt zunächst auf recyclinggerechtes Verpackungsdesign. Ob Verpackungen tatsächlich in großem Maßstab recycelt werden, zählt frühestens ab 2035. Optimieren wir also jahrelang Verpackungen, ohne sicherzustellen, dass sie am Ende wirklich recycelt werden?
Toni Kienberger: Genau diese Gefahr sehe ich. Die Verordnung erkennt durchaus an, dass recyclinggerechtes Design allein noch kein tatsächliches Recycling garantiert. Entscheidend ist aber, dass wir nicht nur Verpackungen optimieren, sondern gleichzeitig Sammlung, Sortierung, Recyclingkapazitäten und Absatzmärkte aufbauen. Eine Vorschrift sammelt kein Material, baut keine Anlage und schafft auch keinen Kunden für das zurückgewonnene Material.
Wenn wir diese Dinge nicht gleichzeitig entwickeln, haben wir 2030 vielleicht bessere Verpackungen – aber noch keinen funktionierenden Kreislauf. Genau diese Lücke zwischen „recycelbar“ und tatsächlich recycelt begleitet uns seit Jahrzehnten.
Wie groß ist diese Lücke?
Toni Kienberger: Die Größenordnung ist enorm. UNEP schätzt für 2024 weltweit rund 400 Millionen Tonnen Kunststoffabfall. Die letzte umfassende OECD-Stoffstrombilanz zeigt, wie wenig davon tatsächlich im Kreislauf bleibt: 2019 wurden effektiv nur neun Prozent recycelt.
Warum funktioniert Kreislaufwirtschaft so häufig nicht?
Toni Kienberger: Weil wir versuchen, zirkuläre Lösungen in ein System einzubauen, das weiterhin lineares Verhalten belohnt. Das Grundmodell ist noch immer: Rohstoff entnehmen, Produkt herstellen, verkaufen und möglichst schnell durch ein neues ersetzen. Hoher Materialdurchsatz ist dabei oft kein wirtschaftlicher Nachteil, sondern Teil des Geschäftsmodells. Unternehmen werden selten dafür belohnt, möglichst wenig Material zu verbrauchen oder Produkte möglichst lange im Umlauf zu halten. Sie werden in der Regel dafür belohnt, mehr zu verkaufen. Das heißt nicht, dass Wachstum grundsätzlich falsch ist. Die Frage ist, womit wir wachsen: mit immer mehr Ressourcenverbrauch - oder mit besseren Produkten, Dienstleistungen, Wiederverwendung und effizienteren Materialkreisläufen.
Das ist offenbar nicht nur ein theoretisches Problem. Nach vorläufigen Daten des Branchenverbands Plastics Recyclers Europe hat Europa seit 2023 fast eine Million Tonnen jährliche Kunststoff- Recyclingkapazität verloren. Wie passt das zu den immer ambitionierteren Kreislaufzielen?
Toni Kienberger: Es passt nicht zusammen – und genau daran sieht man das Grundproblem. Wir formulieren ambitionierte Recyclingziele, aber wirtschaftlich bestrafen wir teilweise genau die Unternehmen, die sie umsetzen sollen.
Der Grund ist im Kern ziemlich einfach: Neuware ist häufig billiger als Rezyklat. Ein Recycler muss Material sammeln, sortieren, reinigen und aufbereiten, Energie einsetzen, Ausschuss tragen und am Ende eine verlässliche Qualität garantieren. Gleichzeitig konkurriert er mit standardisierter Neuware und günstigen Importen. Die Umweltfolgekosten der Neuware spiegeln sich im Preis aber nur unzureichend wider.
Wenn Unternehmen weder verpflichtet noch wirtschaftlich motiviert sind, Rezyklat einzusetzen, entscheiden sie sich im Zweifel für das günstigere Material. Dann schließen Recyclinganlagen, während wir gleichzeitig immer höhere Recyclingziele beschließen. Im schlimmsten Fall optimieren wir Verpackungen jahrelang auf Recyclingfähigkeit und bauen parallel die Anlagen ab, die sie tatsächlich recyceln sollen.
Deshalb brauchen wir neben gutem Design eine verlässliche Nachfrage nach Rezyklaten und faire Wettbewerbsbedingungen gegenüber Neuware und Billigimporten.
Wird Recycling also überschätzt?
Toni Kienberger: Recycling ist unverzichtbar. Problematisch wird es nur, wenn es als Beruhigungspille für das lineare System dient: Wir produzieren und konsumieren weiter wie bisher und versprechen, später alles zu recyceln. Gleichzeitig suchen wir ständig nach der einen großen Lösung. Erst sollte Recycling alles lösen, dann Biokunststoff, chemisches Recycling, Cleanups oder neue Regulierung. All diese Ansätze können wichtig sein. Aber keiner wird das Problem allein lösen. Dafür sind Kunststoffe, Anwendungen, Abfallströme und regionale Bedingungen viel zu unterschiedlich.
Was braucht es konkret, damit aus einem Recyclingprojekt ein funktionierender Kreislauf wird?
Toni Kienberger: Eine geschlossene wirtschaftliche Kette. Man braucht ausreichend Material, eine verlässliche Sammlung, eine ausreichend stabile Qualität, industrielle Mengen und einen Kunden, der das daraus entstehende Produkt dauerhaft kauft. Und dieser Kunde kauft am Ende nicht nur eine gute Nachhaltigkeitsgeschichte. Das Produkt muss bei Qualität, Preis und Verfügbarkeit funktionieren. Fehlt nur einer dieser Bausteine, bleibt aus einer guten Idee schnell ein Pilotprojekt. Ein Material ist nicht deshalb zirkulär, weil es theoretisch recycelt werden kann. Es wird erst Teil eines Kreislaufs, wenn es tatsächlich gesammelt, verarbeitet und wieder eingesetzt wird.
In der Debatte klingt es manchmal so, als ließe sich mit besserer Technik fast jedes Material im Kreis führen. Wo liegen die Grenzen?
Toni Kienberger: Am Ende gilt immer noch die Physik. Materialien altern durch Nutzung, Wärme, UV-Strahlung und wiederholte Verarbeitung. Verschiedene Polymere lassen sich nicht beliebig miteinander mischen. Feuchtigkeit, Schmutz und Fremdstoffe beeinflussen die Qualität, und Sortierung sowie Aufbereitung benötigen Energie. Ein perfekter Kreislauf ohne Verluste ist deshalb eher die Ausnahme. Wir müssen viel ehrlicher unterscheiden zwischen technisch recycelbar, theoretisch recycelbar und tatsächlich in industriellem Maßstab recycelt.
Sie sprechen aus Ihrer Erfahrung davon, dass bei gemischten Kunststoffströmen oft 60 bis 70 Prozent wirtschaftlich nicht recycelt werden können. Woher kommt diese Zahl?
Toni Kienberger: Das ist keine globale Pauschalstatistik, sondern unsere praktische Erfahrung aus realen Projekten mit heterogenen Materialströmen. Bei einer sauberen, sortenreinen PET-Flasche sieht die Welt natürlich anders aus. Bei verschmutzten Folien, Multilayer-Verpackungen, Textilmischungen oder Material aus Regionen mit schwacher Sammel- und Sortierinfrastruktur geht die Rechnung aber häufig nicht auf. Technisch könnte man vieles noch weiter trennen und reinigen. Nur kostet die Aufbereitung dann mehr, als das zurückgewonnene Material am Markt wert ist. Je nach Strom sind 60 bis 70 Prozent deshalb eine realistische Größenordnung - manchmal auch mehr.
Gemeinsam mit MeSentia AG und Forschern der Inspire AG arbeiten Sie an einer Technologie für genau solche Materialströme. Was unterscheidet Ihren Ansatz von bestehenden Recyclingverfahren?
Toni Kienberger: Beim klassischen mechanischen Recycling versucht man in der Regel, aus Kunststoffabfällen wieder ein möglichst sauberes und homogenes Granulat herzustellen. Das funktioniert gut, wenn die Ströme sauber und sortenrein sind. Bei komplexen Mischungen wird diese Aufbereitung schnell teuer. Unser Ansatz ist ein anderer: Wir wollen geeignete thermoplastische Mischströme mit deutlich weniger Aufbereitung direkt in robuste Strukturprodukte überführen. Vereinfacht gesagt bilden die thermoplastischen Anteile die Matrix, vorhandene Fasern können zur Stabilität beitragen. Wir trennen also nicht zwangsläufig alles bis ins letzte Material, sondern versuchen, die vorhandene Zusammensetzung sinnvoll zu nutzen. Die Innovation liegt dabei nicht nur in der Maschine, sondern im Zusammenspiel aus Material, Prozessführung, Bauteilgeometrie und Werkzeug.
Kann man also beliebigen Plastikmüll aus einem Fluss oder vom Strand in die Anlage geben?
Toni Kienberger: Nein, beliebig ist es nicht. Aber unsere Technologie kann deutlich mehr Heterogenität und Verunreinigung tolerieren als klassische Recyclingverfahren. Kleinere Anteile von Sand, mineralischen Bestandteilen, Lebensmittelresten oder Metallpartikeln bis etwa einem Millimeter sind grundsätzlich verarbeitbar. Entscheidend ist weniger, dass der Materialstrom perfekt sauber ist, sondern dass er innerhalb definierter Grenzen bleibt und genügend thermoplastisches Material enthält.
Ganz ohne Prüfung geht es auch bei uns nicht. Je nach Materialstrom braucht es eine gewisse Vorsortierung und gegebenenfalls Aufbereitung. Aber genau darin liegt der Unterschied: Wir müssen das Material nicht bis zur nahezu sortenreinen Qualität reinigen und trennen, die viele etablierte Verfahren voraussetzen. Für saubere, sortenreine Kunststoffe bleibt klassisches mechanisches Recycling meist der sinnvollere Weg. Unser Ansatz beginnt dort, wo diese Verfahren technisch oder wirtschaftlich an ihre Grenzen kommen.
Viele neue Recyclingtechnologien funktionieren im Labor und scheitern später im industriellen Betrieb. Warum sollte es bei Ihnen anders sein?
Toni Kienberger: Ganz ehrlich: Abschließend wissen wir das erst, wenn die erste industrielle Anlage dauerhaft läuft. Das grundlegende Verfahren funktioniert, und wir haben mit realen Materialströmen bereits belastbare Platten und Bauteile hergestellt. Aber im industriellen Betrieb zählen andere Dinge: stabile Zykluszeiten, automatisierte Materialzuführung, gleichbleibende Qualität, Werkzeugstandzeiten, Durchsatz und die tatsächlichen Kosten pro Produkt. Dazu kommt der Markt. Es reicht nicht, dass eine Maschine etwas herstellen kann - jemand muss das Produkt dauerhaft kaufen. Wir sind überzeugt genug, den nächsten Schritt zu gehen. Aber wir haben die Erfolgsgeschichte noch nicht verdient.
Ihre erste Anwendung ist eine Palette. Warum ausgerechnet dieses eher unspektakuläre Produkt?
Toni Kienberger: Gerade weil sie unspektakulär ist. Fast jedes Produkt steht im Laufe seiner Lieferkette irgendwann auf einer Palette. Die Anforderungen sind klar, die Stückzahlen groß, und Gewicht, Haltbarkeit sowie Rückführbarkeit haben unmittelbare wirtschaftliche Auswirkungen. Unser Leichtbauansatz kann hier seine Stärke zeigen. Gleichzeitig ist Holz ein hervorragender Werkstoff, den wir nicht pauschal ersetzen wollen. Interessant sind vor allem Anwendungen und geschlossene Logistikkreisläufe, in denen eine leichtere, robuste und mehrfach nutzbare Palette wirtschaftlich Sinn ergibt. Die Palette ist deshalb ein guter industrieller Startpunkt - nicht das Endziel.
Woher sollen die Kunststoffe für die Produktion kommen?
Toni Kienberger: Aus industriellen sowie küsten- und flussnah gesammelten Abfallströmen, für die es heute keinen stabilen hochwertigen Verwertungsweg gibt. Für die industrielle Produktion reicht es aber nicht, gelegentlich spektakulären Müll aus einem Cleanup zu bekommen. Wir brauchen wiederkehrende Mengen und definierte Qualitäten. Genau daran scheitern viele Projekte: Es gibt ein gutes Sample und viel Aufmerksamkeit, aber keine belastbare Lieferkette. Deshalb denken wir Materialquelle, Aufbereitung, Produktion und Absatz von Anfang an zusammen.
Im ursprünglichen Interview hatten Sie angekündigt, die erste industrielle Anlage Mitte 2026 in Betrieb zu nehmen. Wie ist der aktuelle Stand?
Toni Kienberger: Diesen Zeitplan haben wir nicht geschafft. Das grundlegende Verfahren funktioniert, aber wir haben unterschätzt, wie viel Entwicklungsarbeit noch in der konkreten Anwendung steckt. Bei der Palette geht es nicht nur um das Material, sondern vor allem um Geometrie, Belastbarkeit und Werkzeugbau. Daran haben wir in den vergangenen Monaten intensiv gearbeitet. Der Bau der ersten industriellen Anlage ist der nächste Schritt; dafür laufen aktuell mehrere Förder- und Finanzierungsgespräche. Solange diese Entscheidungen nicht gefallen sind, wäre ein neuer fester Termin unseriös. Mit der Anlage müssen wir dann den stabilen industriellen Dauerbetrieb beweisen.
Was müsste sich ändern, damit wir in zehn Jahren nicht noch immer über dieselben Probleme sprechen?
Toni Kienberger: Ich frage mich manchmal, was man später über diese Jahre sagen wird. Dass wir das Problem längst verstanden hatten, aber glaubten, ein paar Cleanups, neue Labels und überall das Wort
„recycelbar“ würden reichen – solange sich am eigentlichen System nichts ändern musste.
So wird es nicht gehen. Wir brauchen konsequente, intelligente Veränderungen: echte Nachfrage nach Sekundärmaterialien, faire Bedingungen gegenüber Neuware, Produkte, die länger genutzt werden, und Technologien für die Materialströme, die heute durchs Raster fallen.
Langfristig geht es für uns deshalb auch nicht nur um Paletten. Regionen sollen aus ihren eigenen schwer verwertbaren Abfällen vor Ort die Produkte herstellen können, die sie selbst benötigen. Statt Abfälle zu exportieren und fertige Produkte wieder zu importieren, entstehen lokale Rohstoffe, lokale Produktion und lokale Wertschöpfung.
Wir gehören zu der Generation, die noch entscheiden kann, ob Kreislaufwirtschaft ein echtes Wirtschaftsmodell wird – oder nur ein Etikett bleibt.
Die Fragen stellte Markus Vögele.



