Klimapositiv: Strategien und Führung

VON ROBERT ATKINSON | OCEAN MATERIAL | 13. AUGUST 2021 | 7 MINUTEN
Klimapositiv: Strategien und Führung
Hintergrund
In diesem Jahrhundert erwärmt sich die Erde rasch. Als Ursachen gelten menschliche Aktivitäten und natürliche Schwankungen; die Belege sprechen jedoch überwiegend für eine Erwärmung durch zusätzliches menschengemachtes CO₂ in der Atmosphäre. Regierungen, Unternehmen und Investoren bemühen sich deshalb, anthropogene CO₂-Emissionen zu senken und die globale Erwärmung auf 1,5 Grad Celsius (34,7 Grad Fahrenheit) über dem vorindustriellen Niveau zu begrenzen. Jenseits dieses Niveaus werden Rückkopplungen im Erdsystem nach Angaben des Weltklimarats IPCC die Temperaturen weiter erhöhen. Die damit steigenden klimabedingten Risiken für Gesundheit und Umwelt betreffen Lebensgrundlagen, Ernährungssicherheit, Sicherheit, Wasserversorgung und Wirtschaftswachstum. Die Ozeane, die normalerweise überschüssige Wärme aufnehmen, versauern zunehmend. Empfindliche Wasserlebensräume sind bedroht, Stürme werden unberechenbarer und steigende Meeresspiegel gefährden Küstengemeinschaften. Dort leben mehr als 44 % der Weltbevölkerung, darunter die Menschen in acht der zehn größten Städte der Welt. Nach einer Prognose der Weltbank könnten dadurch bis 2030 unmittelbar über 100 Millionen Menschen in Armut geraten. Ein Weiter-so würde uns sehenden Auges in die Zerstörung führen.
Strategien und Lösungen
Lösungen zu entwickeln, die eine dauerhaft negative globale Bilanz der menschengemachten CO₂-Emissionen ermöglichen, ist die größte Herausforderung unserer Zeit. Der fünfte IPCC-Bericht beschreibt, dass bis 2050 jährlich schätzungsweise 10 Gigatonnen CO₂ netto entnommen werden müssen, um die schlimmsten Folgen einer Erwärmung um 1,5 Grad Celsius zu verhindern. Ausmaß und Reichweite der dafür erforderlichen Veränderungen wären grundlegend.
Zu den vorbeugenden Maßnahmen der kommenden 10 bis 20 Jahre müssen grüne Infrastruktur, höhere Energieeffizienz durch intelligente Stadtplanung, Ernährungssysteme mit weniger flächenintensiven tierischen Produkten und die Elektrifizierung des Verkehrs gehören. Hinzu kommt ein rascher Wechsel zu emissionsarmen oder emissionsfreien erneuerbaren Energien, einschließlich der Stromerzeugung. Diese existenzielle Krise eröffnet zugleich beispiellose Chancen für ökologischen, sozialen, technologischen und wirtschaftlichen Fortschritt – denn Lösungen werden auf Strategien und Technologien angewiesen sein, die noch nicht entwickelt sind.
Führungskräfte verschiedener Branchen erkennen zunehmend ihre Rolle als Lösungsanbieter und die damit verbundenen Chancen. Es gibt ermutigende Anzeichen dafür, dass einige ihre Tätigkeit bereits auf eine CO₂-freie Wirtschaft ausrichten. Große internationale Unternehmen nehmen bei Klimainnovationen eine Vorreiterrolle ein: vom BlackRock-CEO, der Investoren angesichts der Klimarisiken zur Neubewertung grundlegender Annahmen der modernen Finanzwelt aufforderte, bis zu IBMs Zusage, bis 2030 in den mehr als 175 Ländern seiner Geschäftstätigkeit Netto-null-Treibhausgasemissionen zu erreichen. Doch nicht allein Altruismus treibt diese Entwicklung. Wie der New Climate Economy Report der Global Commission on the Economy and Climate darlegt, übertreffen Unternehmen im CDP Climate Leadership Index, die besonders entschlossen auf den Klimawandel reagieren, ihre Vergleichsunternehmen bei Börsenwert und finanzieller Leistung. Dem Bericht zufolge könnte die Erreichung der 17 UN-Nachhaltigkeitsziele bis 2030 Marktchancen von 12 Billionen US-Dollar eröffnen.
Durch kontinuierliche Investitionen in Technologien zur Begrenzung des Klimawandels können innovative Unternehmen Führung übernehmen und einen globalen Beitrag leisten. Große wie kleine Unternehmen werden Teil der Lösung, indem sie entschlossene Schritte hin zu klimapositivem Wirtschaften unternehmen. Das entspricht den Zielen großer Volkswirtschaften und Regierungen, einschließlich der USA.
CO₂-neutral oder klimapositiv?
CO₂-Neutralität bedeutet, innerhalb eines definierten Geltungsbereichs und Zeitraums eine Netto-null-CO₂-Bilanz zu erreichen. Sie bedeutet nicht, dass ein Unternehmen im Betrieb keine Emissionen verursacht.
Redaktionelle Klarstellung: Die Definition der CO₂-Neutralität wurde aktualisiert.
Um klimapositiv zu sein, muss die Tätigkeit eines Unternehmens über Netto-null-Emissionen hinausgehen, indem zusätzliches Kohlendioxid aus der Atmosphäre entfernt wird. Dies ist nötig, um einen unnötigen weiteren Temperaturanstieg zu verhindern.
Klimapositives Handeln durch betriebliche Maßnahmen oder Klimaschutztechnologien ist zu einem zentralen Innovationsziel geworden. Die Elon Musk Foundation hat deshalb kürzlich den XPRIZE finanziert: einen mit 100 Millionen US-Dollar dotierten Wettbewerb zur CO₂-Entnahme, den bislang größten Anreizpreis, der weltweit nach Lösungen sucht. Der vierjährige Wettbewerb befindet sich zum Zeitpunkt des Artikels in der Registrierungsphase. Er lädt Innovatoren und Teams weltweit ein, Lösungen zu entwickeln und vorzuführen, die CO₂ direkt aus Atmosphäre oder Ozeanen entnehmen und dauerhaft sowie nachhaltig speichern. Für den Hauptpreis müssen Teams eine funktionierende Lösung mit mindestens 1.000 Tonnen Entnahme pro Jahr demonstrieren, die Kosten bei einer Million Tonnen jährlich modellieren und einen Weg zu einer künftigen Größenordnung von Gigatonnen aufzeigen.
Ein separater Preis von 20 Millionen US-Dollar soll Fachleute aus Chemie-, Maschinenbau-, Bau- und Werkstofftechnik dazu anregen, den Kohlenstoff in Produkte umzuwandeln. Daraus sind bereits unterschiedliche Produkte entstanden, von Sonnenbrillen und Kleidung über Betonfliesen und Zahnpasta bis zu Wodka.
Erfolgreiche CO₂-Entnahme wird nicht auf einer einzigen Wundertechnologie beruhen, sondern auf mehreren Verfahren und Technologien. Die Entnahme ist zudem nur ein Teil der Dekarbonisierung sämtlicher Wirtschaftssektoren. Dafür sind auch der Ausbau erneuerbarer Energien, Wasserstoff- und Elektrofahrzeuge sowie höhere Energieeffizienz nötig. All dies eröffnet Chancen für Produktinnovation und unternehmerisches Denken.
Die Dringlichkeit, den Klimawandel bis 2030 einzudämmen, verlangt staatliche Regulierung und mehr Zusammenarbeit zwischen öffentlichem und privatem Sektor. Viele CEOs handeln bereits, doch bis zum Erreichen ambitionierter Klimaziele bleiben enorme Herausforderungen.
Warum Unternehmen Klimainnovationen vorantreiben müssen
Die Probleme des Klimawandels sind global und betreffen zahlreiche miteinander verbundene Regionen und Hoheitsgebiete. Deshalb müssen auch die Lösungen global sein. Multinationale Unternehmen sind besonders gut positioniert, um Politik, Forschung, Wirtschaftsentwicklung und gesellschaftlichen Wandel zu beeinflussen. Nicole Systrom beschreibt auf der Website des Weltwirtschaftsforums drei zentrale Wege, wie solche Unternehmen ihren Einfluss und ihr Know-how für Netto-null nutzen können.
Erstens können sie Unternehmen in frühen Entwicklungsphasen dabei unterstützen, technologische Innovationen in skalierbare Lösungen zu überführen. Durch unternehmerische Fördermittel kann die Privatwirtschaft mit Regierungen, Innovationszentren oder NGOs zusammenarbeiten, um vielversprechende Entwicklungen zu unterstützen.
Das unterscheidet sich vom traditionellen Modell der Forschungsfinanzierung. Dort wird grundlegende, systematische Forschung durch Zuschüsse und staatliche Investitionen ermöglicht. Unternehmen finanzieren typischerweise weiterführende Forschung über Stiftungen und Industriepartnerschaften, sobald genügend Daten für ein marktfähiges Produkt oder eine Innovation vorliegen. Während sie damit wissenschaftliches Unternehmertum unterstützen, bevorzugen sie meist Technologien mit Bezug zum eigenen Kerngeschäft.
Frühe Zuschüsse können Innovatoren helfen, Lösungen zu entwickeln, mit denen Unternehmen, Kunden und Lieferanten später ihre CO₂-Fußabdrücke verringern. Eine kontinuierliche Begleitung der frühen Forschung und Entwicklung kann künftig zur Gründung von Energie- oder Fertigungsunternehmen führen. In den USA betreibt das Energieministerium beispielsweise Programme zur Förderung von Klima-Unternehmertum, die führende Wissenschaftler und Ingenieure mit nationalen Laboren für frühe Forschungs- und Entwicklungsarbeit zusammenbringen.
Zweitens müssen Lösungen nicht immer Kapital erfordern. Auch der Einfluss eines Unternehmens innerhalb seiner Branche zählt. Jungen Unternehmen fehlen häufig Kapazitäten und Erfahrung im Umgang mit politischen Entscheidungsträgern, was Finanzierungsmöglichkeiten und die Zusammenarbeit mit Regulierungsbehörden einschränken kann. Die Unterstützung eines Unternehmens mit Erfahrung in politischen Prozessen kann Klimainnovatoren das richtige Publikum und eine passende Plattform eröffnen.
Wir brauchen mehr Führungskräfte, die fragen: Wie erreicht mein Unternehmen Netto-null? Wenn heutige Technologie dafür nicht ausreicht, wie können wir Forschung und Start-ups unterstützen, die das ermöglichen könnten? Jesper Brodin, CEO der Ingka Group, zu der IKEA gehört, formuliert es so: „Wir haben den Dialog eindeutig vom Warum wegbewegt und konzentrieren uns jetzt vollständig auf das Wie.“
Der dritte Ansatz zielt auf unternehmerische CO₂-Ziele, die Nachhaltigkeitsanspruch und messbare Wirkung miteinander verbinden. Netto-null muss Teil der Geschäftsstrategie werden. Das verlangt eine grundlegende Prüfung dessen, was ein Unternehmen produziert, wie es arbeitet und wie sich sein Handeln auf Anbieter und Lieferketten auswirkt. Eine solche Strategie würde verhindern, dass multinationale Unternehmen in Entwicklungsländern natürliche Ressourcen und günstige Arbeitskräfte zur raschen Gewinnsteigerung ausbeuten, dabei großflächige Umweltschäden verursachen und kaum Verantwortung übernehmen. Sie würde auch den zahlreichen Fällen entgegenwirken, in denen multinationale Unternehmen in Ländern mit laxen Umweltregeln mehr verschmutzen als in ihrem meist strenger regulierten Herkunftsland.
Führung bedeutet, Einfluss positiv zu nutzen und sich im Betrieb an bewährten Nachhaltigkeitspraktiken zu orientieren. Diese Haltung entspricht auch den Erwartungen der Generation Z, die bald 30 % der Erwerbstätigen stellen wird und für transformative Führung, gemeinsam entwickelte Lösungen und ein Ende ausbeuterischer Praktiken eintritt.
Eine aktuelle Fortune-Umfrage unter einigen der größten Unternehmen ergab, dass mehr als die Hälfte bereits Schritte in Richtung null CO₂-Emissionen unternommen hat. Vielen fehlen allerdings noch konkrete Pläne. Für die drei beschriebenen Schritte gibt es glücklicherweise einen realistischen Weg.
Mehr erfahren? In diesem Beitrag, Teil 1, haben wir Strategien und Führungsaufgaben für ein klimapositives Umfeld betrachtet. In Teil 2 geht es darum, klimapositiv zu werden. Teil 3 soll vorhandene Technologien und den Übergang von null CO₂-Emissionen zu einer positiven Klimabilanz behandeln.
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